Meine Haltung auf einen Blick
- Erst das Handwerk
- Ohne Handwerk setzt du KI an den falschen Stellen ein.
- KI als Assistent
- Ich gebe die lästige Arbeit ab, die sich wiederholt.
- Meine Handschrift
- Die kreative Entscheidung bleibt bei mir.
- Zeitersparnis
- Nicht der Kern. Der Gewinn ist, dass ich nebenbei anderes machen kann.
- Training
- Die KI muss lernen, wie ich schneide. Das kostet Zeit und Geld.
- Der Blick von außen
- KI sieht, was ich nach Jahren nicht mehr sehe.
Neulich schrieb mir jemand aus meiner YouTube-Community. Er reist viel, die Speicherkarten sind voll, und für ein 20-Minuten-Video braucht er zwei bis drei Wochen. Mitreisende haben ihm eine KI empfohlen, die das auf magische Weise lösen soll. Kostenpunkt: 150 bis 250 Euro an Credits pro Video. Seine Frage: Was hältst du davon?
Meine Antwort gefällt nicht jedem. Deshalb schreibe ich sie hier einmal ausführlich auf. Das ist meine Meinung, und die muss nicht jeder teilen. Im Video zeige ich dir, wie das bei mir im Alltag aussieht.
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Mehr InformationenDer Zauberknopf ist ein Märchen
Die meisten glauben, KI im Schnitt heißt: Material rein, Knopf drücken, Video fertig. Bei mir sieht das ganz anders aus. Klar, es gibt Creator, die ihre Reels und Storys komplett automatisch bauen lassen, und für die funktioniert das. Aber bei einer Doku, bei einem Imagefilm, bei allem, was länger ist und eine Haltung braucht, entscheidet ein Mensch.
Schnitt ist eine Kunstform. Sie macht Spaß, und sie soll eine persönliche Note haben. Genau die nimmt dir keine Maschine ab.
Wer sich vom Zauberknopf den fertigen Film verspricht, bezahlt am Ende viele Credits für generischen KI-Slop.
Erst das Handwerk, dann die KI
Ob mit KI oder ohne: Das Handwerk musst du selbst beherrschen. Sonst kannst du auch keinen Assistenten anleiten. Ich konnte Claude nur deshalb beibringen, wo ein Schnitt sitzt, weil ich seit über 30 Jahren ein Gefühl dafür entwickelt habe.
Die Reihenfolge ist also klar: erst klassisch schneiden lernen, dann den Workflow optimieren. Andersrum funktioniert es nicht, oder es endet schnell in noch mehr Chaos. Das ist unbequem, weil es keine Abkürzung gibt. Deshalb kommt KI in meinem kostenlosen Videotraining und in der Editing Masterclass bewusst nicht vor. Dort geht es um klassische Workflow-Optimierung, und die fängt schon vor dem Dreh an.
Kostenloses Videotraining: Der Editing-Workflow, der deinen Schnitt halbiert
In 40 Minuten zeige ich dir Schritt für Schritt meinen Editing-Ablauf vom Rohmaterial zum fertigen Film – ohne Timeline-Chaos, ohne Klein-Klein und ohne die Frage, wo du eigentlich anfangen sollst. Funktioniert in jedem Schnittprogramm, ohne KI und ohne Spezialsoftware. Kostenlos, sofort abrufbar.
Mein Assistent für die Fleißarbeit
Ich setze KI so ein, als hätte ich einen echten Assistenten bei mir. Der bekommt die Aufgaben, die nerven und sich wiederholen: Interviews sichten, Musik vorsortieren, Titel und Animationen bauen, Shorts aus einem fertigen Video ziehen. Die kreative Entscheidung behalte ich. Da geht es um meine Handschrift.
Ein Beispiel aus einem Film über alte Getreidesorten: zehn Interviews, knapp zwei Stunden Material, am Ende ein Film von unter sechs Minuten. Claude hat daraus zwei Listen gemacht, Must-have und Nice-to-have, jede Aussage mit Zitat, Timecode und Begründung. Dann lese ich die Liste, streiche und redigiere. Erst danach baut Claude die Auswahl als Timeline zurück nach Resolve. Claude macht das nicht automatisch. Diesen Ablauf habe ich ihm Schritt für Schritt beigebracht.
Die Vorauswahl macht der Assi. Die Schnittentscheidungen treffe ich.
Für die Zusammenarbeit in DaVinci Resolve gibt es mehrere feste Regeln. Die wichtigste: Lesen darf Claude jederzeit. Sobald aber etwas in meiner Timeline verändert werden soll, muss er vorher fragen. Und bevor ich eine Aufgabe abgebe, stelle ich mir zwei Fragen. Die Frage ist nie: Kann die KI das? Die Frage ist: Nervt mich das? Und wiederholt sich dieser Ablauf? Claude kann zum Beispiel Resolve öffnen und ein Projekt anlegen. Von Hand dauert das ein paar Sekunden, Claude braucht dafür deutlich länger und verbraucht Tokens. Nicht alles, was geht, ist auch sinnvoll. Die fünf Aufgaben, die ich wirklich abgebe, findest du im Beitrag DaVinci Resolve 21.1 und MCP: Fünf Aufgaben, die ein KI-Assistent im Schnitt übernimmt.
Es geht mir nicht nur um Zeitersparnis
Das überrascht die meisten: Der Schnitt wird durch KI nicht automatisch schneller. Claude braucht Zeit zum Transkribieren, Rechnen und Rendern. Manchmal ist ein erfahrener Editor schneller. Natürlich spart mir KI auch mal Zeit, aber meine Philosophie ist eine andere.
Für mich zählt etwas anderes: Während Claude arbeitet, habe ich den Kopf frei für andere Aufgaben oder auch mal für eine Pause. Ich schneide an der Moderation, während Claude im Hintergrund die Titel rendert. Wenn er fertig ist, fragt er nach. Ich schaue kurz drüber, gebe frei, und Sekunden später liegen die Clips an der richtigen Stelle.
Den Schnitt halbieren kannst du übrigens trotzdem. Das schafft aber ein sauberer Workflow, nicht die KI.
Ohne Einarbeitung kein guter Assistent
Die Arbeit mit Claude hat mich viel Trainingszeit gekostet. Die KI muss wissen, wie ich schneide und was ich mache. Welche Tonspur gilt, wenn ein externes Mikro dabei ist? Wie müssen Transkript und Tonspur zusammenpassen, damit der Schnitt in der Sprechpause sitzt? Das alles kam aus Fehlern, Trial and Error.
Die ersten Wochen erklärst du mehr, als du Zeit sparst.
Dazu kommt das Geld. So ein virtueller Assi kostet, wie im echten Leben auch. Viele schrecken vor den KI-Kosten zurück. Rechne das mal gegen einen Tag Assistenz oder gegen deine eigene Zeit. Was sich bei mir lohnt: Claude baut die Verbindung zwischen den Werkzeugen einmal, und dann benutze ich sie immer wieder. Nicht jedes Mal von vorne beginnen, sondern die KI Werkzeuge schreiben lassen, die bleiben.
„Sieht doch alles gleich aus“
Unter meinem Video zur Diashow kam genau diese Kritik: KI, AI, Slop, das sieht alles gleich aus. Wenn du das Ergebnis so lässt, wie es rauskommt, stimmt das sogar. Aber warum solltest du es so lassen? Nimm das Ergebnis als Grundlage. Dann sitzt du nicht mehr vor der leeren Leinwand, sondern startest mit einem Stand. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit: deine Handschrift reinzubringen.
Bei der Diashow habe ich die 228 Fotos vorher selbst in Lightroom ausgesucht, Claude hat nur damit gearbeitet. Wo eine Blende hingehört und wo ein harter Schnitt, habe ich entschieden. Die Ausführung hat Claude übernommen.
Was die KI nicht kann, ist die Geschichte.
Welches Foto steht am Anfang? Wo liegt der Höhepunkt? Was fliegt raus, obwohl es dir gefällt? Das ist Handwerk. Wie die Diashow entstanden ist, steht im Beitrag Urlaubsfotos zum Film: Wie Claude in DaVinci Resolve eine Diashow baut.
Der Blick, den ich selbst nicht haben kann
Eins kann KI besser als ich: mein Material neutral beurteilen. Nach 27 Jahren SamPlay bin ich betriebsblind. Ich sehe in meinem Material nicht das Bild, ich sehe den Drehtag. Ich weiß, wie kalt es an dem Morgen war und wie lange wir auf das Licht gewartet haben. Claude hat diese Erinnerung nicht. Er sieht nur das Bild.
Beim Showreel hat mir das konkret geholfen. Claude hat sich den Rohschnitt angeschaut wie ein Kunde, der mich nicht kennt. Dabei hat er Fehler gefunden, die ich mehrfach übersehen hatte. Einen Hinweis habe ich allerdings bewusst nicht übernommen: Es war ihm am Anfang zu bayerisch. Wir sitzen nun mal in Oberbayern, und das darf man sehen.
Der fremde Blick liefert Hinweise. Die Entscheidung kommt von mir.
Die erste Fassung war übrigens alles andere als fertig. Sie sah aus wie ein Werbefilm für Bayern, weil Claude nach Emotion gesucht und viel Alm gefunden hat. Meine Kunden buchen mich aber auch für Technik, für Produkte, für Firmen. Das weiß Claude nicht. Das weiß nur ich. Trotzdem saß ich nicht mehr vor dem leeren Blatt, ich musste nur noch entscheiden. Die ganze Geschichte steht im Beitrag Betriebsblind vor dem eigenen Material: Wie Claude mir beim Showreel den Blick von außen gibt.
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Wird KI Editoren ersetzen?
Meine ehrliche Einschätzung: Ich glaube nicht. Natürlich gibt es Bereiche, in denen das schon passiert. Bei schnellen Clips für Social Media geht es vor allem um Masse und Tempo. Dort übernimmt KI heute Arbeit, die früher ein Editor gemacht hat. Das Herzstück eines Films übernimmt sie nicht: die Auswahl, die Dramaturgie, die Entscheidung, was rausfliegt.
Nicht jeder will sich mit KI beschäftigen, und das ist völlig in Ordnung. Ein guter Film entsteht auch ohne. Wenn du das alles anders siehst, schreib es mir. Über genau diese Frage diskutiere ich gern.
KI ist ein mächtiges Werkzeug. Aber wie jedes Werkzeug kann man es richtig einsetzen oder falsch. Wer das Handwerk nicht kann, bekommt nur schneller mehr Durchschnitt. Wer es kann, bekommt einen Assistenten, der ihm die Fleißarbeit abnimmt. Dann bleibt mehr Raum für den schönsten Teil am Schnitt: die Geschichte, den Rhythmus, deine eigene Handschrift.
Über den Autor
Michael J. Müller ist studierter Tonmeister und seit über 30 Jahren in der Medienproduktion tätig. Er führt die SamPlay GmbH, produziert Film, Foto und Livestreams für Unternehmen und zeigt auf seinem YouTube-Kanal und bei colorgrading.net, wie aus einer Idee ein fertiger Film wird: Skript, Dreh, Schnitt, Color Grading, Ton und der sinnvolle Einsatz von KI. Alle Beispiele in diesem Beitrag stammen aus seinen eigenen Projekten.
