Das Video auf einen Blick
- Video
- Claude sieht, was ich übersehe: Mein Showreel | DaVinci Resolve
- Online seit
- 21. Oktober 2026
- Ausgangsmaterial
- 27 Jahre SamPlay, über 50.000 Clips, 158.000 Fotos auf über 30 Backup-Platten
- Ergebnis
- knapp zwei Minuten Showreel, dazu ein Konzept mit vier Fassungen
- Werkzeuge
- FootageBrain, Claude Code, DaVinci Resolve Studio 21.1 mit MCP-Server
- Kernaussage
- Der fremde Blick liefert Hinweise. Die Entscheidung bleibt bei dir.
Siebenundzwanzig Jahre SamPlay, über 50.000 Clips, 158.000 Fotos. Und als ich ein neues Showreel schneiden wollte, wusste ich nicht, was ich zeigen soll. Vielleicht kennst du das von ein paar Jahren Urlaubs- und Familienvideos auf deiner Platte. Im Video zeige ich dir, wie mir Claude in DaVinci Resolve einen Blick von außen auf mein eigenes Material gegeben hat. Und was ich trotzdem selbst entscheiden musste und auch wollte. Darunter alles zum Nachlesen.
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Mehr InformationenDas eigentliche Problem: die Auswahl
Der Schnitt war nicht das Problem. Schneiden kann ich. Das Problem war die Auswahl, und zwar aus einem Grund, den du vielleicht kennst: Ich sehe in meinem Material nicht das Bild. Ich sehe den Drehtag. Ich weiß, wie kalt es an dem Morgen war, wie lange wir auf das Licht gewartet haben und welcher Dreh anstrengend war. Jedes Bild hat bei mir eine Geschichte im Kopf, und genau deshalb kann ich es nicht mehr neutral beurteilen.
Das nennt man Betriebsblindheit. Je länger du filmst, desto stärker wird sie. Claude hat diese Erinnerung nicht. Er sieht nur das Bild. Genau das wollte ich nutzen.
Schritt 1: Das Archiv durchsuchbar machen
Damit Claude überhaupt etwas sehen kann, muss er an das Material herankommen. Meine Clips liegen auf über dreißig Backup-Platten. Dafür habe ich mir mit Claude ein eigenes Werkzeug gebaut, das ich FootageBrain nenne. Es kennt jeden Clip auf jeder Platte, es hat mitgeschrieben, was in den Clips gesprochen wird, und es hat sich die stummen Clips angesehen und aufgeschrieben, was darauf zu sehen ist.
Wie das gebaut ist, ist ein eigenes Thema. Für heute reicht: Ich kann in meinem Archiv suchen wie im Internet. „Lachen", „Applaus", „Drohne über dem See". Und Claude kann das auch.
Schritt 2: Auswahl und Konzept
Dann habe ich Claude die Aufgabe gegeben: Such mir die stärksten Momente aus meinem Archiv. Menschen, Gesichter, Emotion, und sie müssen zu unserem Claim passen. Claude ist die gesichteten Clips durchgegangen und hat mir 143 Motivvorschläge gemacht, dazu 80 O-Töne, also Sätze von Kunden und Protagonisten, die im Reel funktionieren könnten. Jeder Vorschlag mit einer kurzen Begründung.
Und da kam schon mein erstes Aha-Erlebnis. In einem Schulfilm sagt ein Schüler ganz nebenbei: „Macht's einfach, worauf ihr Lust habt." Den Satz hätte ich nie wiedergefunden. Claude hat ihn über das Transkript entdeckt und daraus den Anfang gebaut. Denn unser Claim bei SamPlay lautet: Wir machen's einfach.
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Daraus hat Claude ein Konzept mit vier Fassungen gebaut: eine Hauptfassung mit gut anderthalb Minuten, eine kurze mit einer Minute, eine im Hochformat für Social Media und eine, die nur von den Stimmen meiner Kunden lebt. Jeweils mit Ablauf, Texttafeln und Musikvorschlägen. Claude ist bei mir über den MCP-Server direkt mit DaVinci Resolve verbunden, so hat er die Timelines für alle vier Fassungen angelegt und eine erste Version geschnitten.
War das ein fertiges Showreel? Sicher nicht. Da waren auch noch Fehler drin. Aber ich saß nicht mehr vor dem leeren Blatt. Ich musste nur noch entscheiden.
Was ich gestrichen habe
Nicht alles hat gepasst. Claude hat nach Emotion gesucht und deshalb viel Alm gefunden, viele Feste, viel Lachen. Schön, aber nach der ersten Fassung dachte ich: Das sieht aus wie ein Werbefilm für Bayern. Meine Kunden buchen mich aber auch für Technik, für Produkte, für Firmen. Das weiß Claude nicht. Das weiß nur ich.
Und noch etwas: Die besten Bilder lagen nicht im Rohmaterial, sondern in den fertigen Filmen, geschnitten und gegradet. Also haben wir uns auch aus den Endfassungen bedient: Kamera, Lautsprecherbau, Produktfilm, Abfüllanlage.
Schritt 3: Der fremde Blick auf den Rohschnitt
Dann kam der Schritt, den ich jedem empfehle: Lass jemanden draufschauen, der nicht dabei war. Das kann ein Mensch sein oder eine KI. Als das Reel fast fertig war, habe ich Claude gebeten, es sich anzusehen wie ein Kunde, der mich nicht kennt. Drei Funde kamen dabei heraus.
Erstens stand am Anfang „Seit 1999", und später zählten die Zahlen hoch auf „30+ Jahre". Das passt nicht zusammen. Das Peinliche: Die Zahl stand schon in Claudes eigenem Konzept, ich habe sie mehrfach gesehen und nie bemerkt. Jetzt steht da: 1999, Gründung. Zweitens war es am Anfang zu bayerisch. Das habe ich bewusst so gelassen, wir sitzen nun mal in Oberbayern, und das darf man sehen. Drittens wirkten zwei Motive wie Urlaub statt wie Arbeit, Tänzer auf einem Gipfel und ein Blick über den Chiemsee. Die habe ich gegen Menschen bei der Arbeit getauscht: eine Planerin am Tisch und einen Techniker bei der Inbetriebnahme.
Genau das ist Betriebsblindheit beim Schnitt. Ich kenne jede Einstellung auswendig, und deshalb sehe ich solche Fehler nicht mehr. Und schau dir den zweiten Punkt an: Ich muss nicht alles übernehmen. Der fremde Blick liefert Hinweise, die Entscheidung kommt von mir.
Meine Handschrift
Dann kommt der Teil, der richtig Arbeit ist. Den Anfang habe ich von Hand getimt, Bild für Bild. Viele Schnitte habe ich selbst gesetzt, framegenau auf die Musik. Das Color Grading kommt von mir und die Tonmischung in Fairlight auch. Auch viele Ideen und Details hatte ich selbst, zum Beispiel die formatfüllenden Fotos als Parallax-Effekt oder die Endkarte über einem echten Lachen statt über einer Landschaft.
Umgesetzt hat das mein Schnitt-Assi Claude nach meiner Vorgabe, genauso wie die übrigen Animationen, Texttafeln, Kapitelmarken und das Mosaik am Ende. Natürlich kann ich das alles selbst. Aber ein Mosaik mit 96 Spuren Bewegtbild in After Effects zu bauen, dauert ewig, macht keinen Spaß und kostet Zeit und Nerven. Genau dafür nutze ich KI: für die Fleißarbeit. Was reinkommt und was rausfliegt, wie die Bewegung aussieht und welche Clips gezeigt werden, bleibt meine Entscheidung. Das Ergebnis siehst du im Video: knapp zwei Minuten aus siebenundzwanzig Jahren.
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Was du für dein Archiv mitnimmst
Dafür brauchst du kein FootageBrain. Drei Dinge kannst du sofort machen. Trenn das Bild von der Erinnerung und frag dich bei jedem Clip: Würde das auch jemand gut finden, der nicht dabei war? Hol dir einen fremden Blick. Das kann Claude sein, dem du Standbilder aus deinen Clips zeigst, genauso gut jemand aus der Familie oder dein Filmclub. Hauptsache, jemand, der nicht dabei war. Und nimm die Hinweise ernst, aber entscheide selbst. Nicht jeder Fund ist ein Fehler.
Claude hat gesehen, was ich nicht mehr gesehen habe. Ein Reel, das trägt, ist trotzdem Handwerk.
Womit es anfängt, wo es Fahrt aufnimmt, was rausfliegt, obwohl es dir gefällt: Das ist Dramaturgie, und die geht ganz ohne KI.
Ein Showreel ist das große Archiv. Oft fängt das Problem aber viel früher an, mit den Fotos vom letzten Urlaub. Wie Claude daraus einen Film baut, steht im Beitrag Urlaubsfotos zum Film: Wie Claude in DaVinci Resolve eine Diashow baut.
Warum ich KI so einsetze und wo für mich die Grenze liegt, steht im Beitrag Wer nicht schneiden kann, dem hilft auch keine KI.
Über den Autor
Michael J. Müller ist studierter Tonmeister und seit über 30 Jahren in der Medienproduktion tätig. Er führt die SamPlay GmbH, produziert Film, Foto und Livestreams für Unternehmen und zeigt auf seinem YouTube-Kanal und bei colorgrading.net, wie aus einer Idee ein fertiger Film wird: Skript, Dreh, Schnitt, Color Grading, Ton und der sinnvolle Einsatz von KI. Alle Beispiele in diesem Beitrag stammen aus seinen eigenen Projekten.
